Einem deutschen HipHop-Fan erklären zu wollen, wer Afrob ist, das hieße Eulen nach Athen tragen. Der Stuttgarter Wahlberliner ist nämlich schlicht und ergreifend eine Legende in diesem Spiel: Kolchose, „Rolle mit HipHop“, FK Allstars, „Reimemonster“, ASD – and the list goes on.

Seine prägnante Stimme, seine energische Delivery, seine mächtige Bühnenpräsenz und nicht zuletzt seine polarisierenden Ansagen machten ihn über seine bald 20 Jahre währende Karriere zu einer der prägendsten Figuren des deutschen Rap-Games. Zwar ließ er es in den letzten Jahren deutlich ruhiger angehen, aber einfach so in der Versenkung verschwinden, das kann ein Vollblut-MC wie Afrob nicht. Bester Beweis dafür: Seine neue LP „Push“ steht in den Startlöchern – und entpuppt sich als bisher bestes Album seiner Karriere.

Dabei sah es nach seinem von der Kritik gefeierten 2005er Album „Hammer“ zunächst so aus, als hätte Afrob das Mic an den Nagel gehängt: Abgesehen von raren Feature-Auftritten und vereinzelten Ausflügen ins Filmgeschäft hörte man zunächst eine ganze Weile nichts mehr von ihm. „2007 bin ich aus privaten Gründen nach Berlin gegangen. Stuttgart zu verlassen, war der härteste Schritt meines Lebens“, erklärt der einst als beinharter Lokalpatriot bekannte Rapper. „In Berlin war ich dann erst mal privat ziemlich eingespannt. Mit Musik machen war da zunächst gar nix. Erst ein paar Jahre später hab ich dann DJ Rocky in seinem Studio besucht und angefangen, ‘Der Letzte seiner Art’ aufzunehmen. Damit ging es eigentlich erst wieder los für mich.“ Und auch wenn besagtes Album 2009 mitten in eine kommerzielle Dürreperiode deutschsprachiger Rapmusik hinein veröffentlicht wurde und nicht die erhofft großen Wellen schlug, machte „Der Letzte seiner Art“ eines ganz deutlich: Mit Afrob ist auch weiterhin zu rechnen.

Das bewies er in den letzten beiden Jahren auch live: Im Zuge des Rap-Comebacks seines Kolchose-Kollegen Max Herre stand Afrob wieder auf den ganz großen Bühnen des Landes – und das in einer durchaus prominenten Rolle. „Ich hab mit Max zwei große Tourneen gespielt. Und ich habe in seinem Set zwei eigene Songs“, freut sich Afrob. „Wo gibt’s denn so was? Dafür bin ich Max auf jeden Fall sehr dankbar.“

Mit „Push“ tritt Afrob nun auch selbst wieder als Protagonist ins Rampenlicht. Und wie man das vom „besten Beat-Picker Deutschlands“ gewohnt ist, findet sich hier nur Musik allererster Güte. „In puncto Beats kann keiner dieses Album toppen. Wie alle meine Alben ist es sehr soulig, aber eben immer mit so einer Hype-Williams-Crispness – dreckige Beats, aber eben richtig gut gemischt.“ In Zusammenarbeit mit Produzenten wie DJ Rocky, iamnobody, Rik Marvel oder DJ Derezon (Malik Quality,Phantom Notes,Croup )sind dabei große HipHop-Hymnen genauso entstanden wie kritische und introspektive Stücke.

Und manchmal lässt Afrob auch tief blicken. „Ich gehe hart mit mir ins Gericht. Zum Beispiel hab ich einen Song namens ‚Jeder geht“ über meine Ex aufgenommen, in dem es ums Loslassen geht. Ich denke, das können viele Menschen ziemlich gut nachvollziehen.“ Auf dem Song „Lampedusa“ hingegen erzählt Afrob exemplarisch die Geschichte eines Lampedusa-Flüchtlings. Mit viel Empathie und Gespür für schmerzhafte Details beleuchtet er hier auf einem atmosphärischen Beat die Gefahren, die afrikanische Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa auf sich nehmen. „Ich kenne viele dieser Geschichten, aber in den Medien hört man nur davon, wenn etwas Schlimmes passiert.“

Auf „Push“ beschäftigt sich Afrob mit dem, was manch einer eine Verschwörungstheorie nennen würde: „Vieles, was früher eine Theorie war, ist heute Fakt. Wenn du vor zehn Jahren behauptet hättest, dass Regierungen und Industrie massenhaft Leute ausspähen, hätte man dich für geisteskrank erklärt. Heute debattiert man im Parlament darüber.“ In „Lass mich bleiben, wie ich bin (Arbeitstitel)“ geht es ums Anderssein, um die Schlüsselmomente der Selbsterkenntnis. „Ich hatte viele solcher Momente, zum Beispiel in der Schule, da war ich immer anders. Aber auch im Rap: Viele wollten aus mir einen Lyricist machen, aber das wollte ich nie sein. Das ging so weit, dass mir unterstellt wurde, ich wäre dumm – nur weil bestimmten Leuten meine Reimstrukturen zu simpel waren.“ Und natürlich gibt es auch wieder Musik für den Club, diesmal auf einem monströsen Brett an der Seite von Megaloh. „Solche Stücke sind ja mein Markenzeichen“, erklärt Afrob. „Und Megaloh hat hier meines Erachtens eine Klassikerstrophe abgeliefert, die die Zeit überdauern wird.“

Vor allem ist „Push“ jedoch der Album gewordene Beweis dafür, dass Afrob nicht nur zurück ist, sondern auch auch bleiben will. Es geht schließlich immer weiter. „Ich schließe den Kreis. HipHop braucht mich mehr denn je. Ich glaube, es ist die richtige Zeit für mich.“